KOMMENTAR – Die Super-Liga der Fussball-Grossklubs darf keine Zukunft haben

Zwölf Schwergewichte des europäischen Fussballs scheren aus und wollen an der Uefa vorbei einen eigenen Wettbewerb gründen. Das auf klandestinen Wegen forcierte Ego-Projekt läuft dem ohnehin bereits ramponierten Solidaritätsgedanken zuwider und ist abzulehnen.

Parforce-Leistungen auf der europäischen Bühne wie derjenigen von Atalanta Bergamo wirken immer mehr wie Strohfeuer.

Parforce-Leistungen auf der europäischen Bühne wie derjenigen von Atalanta Bergamo wirken immer mehr wie Strohfeuer.

Stefano Nicoli / AP

YB kann die Champions League gewinnen. Diese Vorstellung ist im Jahr 2021 zwar mehr Utopie als Realität, basiert aber auf einem Grundprinzip des europäischen Fussballs: Der Wettbewerb ist durchlässig, viele können die Pyramide erklimmen und am Ende den Pokal in den Händen halten. Mit entsprechender Leistung haben auch der kasachische oder zypriotische Meister die Möglichkeit, die Champions League auf den Kopf zu stellen. Zumindest theoretisch. Niemand wird vorneweg ausgeschlossen.

Oder anders ausgedrückt: Niemand schottet sich in einem geschlossenen System ab, wie dies Profiligen in Nordamerika vorleben. Die Wettbewerbe des europäischen Fussballverbands Uefa halten an der Pyramide fest, auch wenn sich die Differenz zwischen Gross- und Kleinklubs vergrössert hat. Parforce-Leistungen von Vereinen wie Ajax Amsterdam oder Atalanta Bergamo bleiben möglich, wirken aber immer mehr wie Strohfeuer.

Pech gehabt

Die Gründe dafür sind teilweise exponentiell steigende Erträge aus den Medienrechten und aus dem Europacup. Wer ans System angeschlossen ist, kann sich mehr Geld zuschaufeln und wächst weiter. Wer klein ist, bleibt klein. Wer in der Premier League zu Hause ist, erhält im Schnitt 145 Millionen Euro von heimischen Fernsehrechten. Wer in der Schweizer Super League unterkommt, kassiert allein in dem Bereich um den Faktor 100 weniger.

Wer die Königsklasse erreicht, dem fliessen Millionen zu. Wer sie verpasst, muss darauf verzichten. Pech gehabt. Entweder ist man im falschen Fussball-(TV-)Land geboren. Oder man hat zu wenig Erfolg. Für Schweizer Klubs, die wegen miserabler Europacup-Leistungen (Ausnahmen Basel und YB) im Moment sogar mehrheitlich von der Europa League in die neu gegründete Conference League durchgereicht werden, gilt fatalerweise beides.

Die Uefa ist seit Jahren dem Druck der gefrässigen Fussball-Elefanten wie Barcelona, Manchester City oder Juventus Turin ausgesetzt, die steigende Lohnsummen aufzubringen haben. Das akzentuiert sich in der Corona-Krise. Ein Ausfluss davon ist die konkret ausformulierte Absicht von 12 Spitzenklubs aus England, Italien und Spanien, eine europäische Superliga ins Leben zu rufen. Die Besten wären in einem exklusiven Kreis unter sich, und 15 der 20 Teilnehmer wären gesetzt. Das wäre das Ende der offenen Türen.

Einerseits entspricht das der Logik, zumal in der finalen Phase ohnehin meistens dieselben Klubs unter sich sind. Dieses Jahr war der FC Porto der Farbtupfer der Champions League, aber er verpasste knapp den Sprung in die Halbfinals. Andrerseits wäre so etwas in der künftigen Superliga nicht mehr möglich, weil mit ihr viele Träume zerstöben.

Ein Machtspiel

Letztlich ist zu diskutieren, ob der im europäischen Spitzenfussball verankerte Gedanke der Solidarität weiter gelebt werden soll oder nicht. Die Superliga versucht mit den Schlagworten «mehr Solidaritätszahlungen» und «Frauenfussball» zu punkten. Wie ernst es ihr damit ist, weiss heute niemand. Aber man sollte sich nicht blenden lassen: Die Grossen kurbeln die Europacup-Vermarktung an und reklamieren mehr für sich. Sie treiben die Uefa seit Jahren vor sich her und setzen sie im Machtspiel stark unter Druck.

Nimmt man die Aussagen der Uefa-Chefetage zum Nennwert, formierten sich die prominenten Aussteiger hintenherum und trieben ein übles Doppelspiel. Die befremdliche Vorgehensweise fördert kein Vertrauen und untergräbt den Glauben an den Gemeinsinn.

Deshalb ist dem Projekt entgegenzutreten. Dem Fussball-Kapitalismus gebietet das Subventionssystem der Uefa Einhalt – zumindest ein Stück weit. Die Uefa nimmt vor allem dank der Champions League Geld ein, belohnt und verteilt. In der Saison 2018/19 überwies sie zum Beispiel dem Schweizerischen Fussballverband SFV und der hiesigen Liga insgesamt 9,4 Millionen Euro. Das sind Solidaritätszahlungen neben den 26 Millionen, die YB für die Teilnahme an der Champions League zugeflossen sind.

Nur Naivlinge lassen sich davon überzeugen, dass die Superliga dereinst auch für die Kleinen mehr abwerfen könnte. Sie ist vielmehr das Ego-Projekt der Grossen, das vorläufige Endprodukt der Gier, die keinen Support verdient.