„Ich selbst würde mich als die femininste Frau dieses Planeten bezeichnen“

Fran Lebowitz ist die sagenhaft grantige Flaneurin in Martin Scorseses Netflix-Serie „Pretend it’s a City“, seiner Ode an New York und die dort lebende Kultautorin. Die 70-jährige Zeitzeugin, die für all das steht, was New York einmal war, ist Weggefährtin unzähliger Berühmtheiten wie Leonard Bernstein, Calvin Klein. Scorsese filmte sie bei ihren Gängen durch die Stadt, gekleidet in ihre Uniform: Hemd, Jackett, Jeans, Cowboyboots – ihr Signature-Look seit 50 Jahren. Dazu soll sie hier befragt werden.

Man erreicht sie an der guten alten Strippe, solle ihr auf den Anrufbeantworter sprechen, hatte die Interview-Vermittlerin vorausgemailt, dann nehme sie ab. Ihre Stimme klingt wie frisch geteert: „Hello“ meldet sich die passionierte Raucherin. Eine Pointen-Maschine. Sie lauscht kurz – wo ist das Stichwort? Je privater und unzumutbarer die Fragen, desto besser ihre Gags.

Hintergrund zur Netflix-Serie

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ICONIST: Schade, dass wir nicht zoomen können, Sie haben ja kein Internet. Aber ich freue mich, Sie am Ohr zu haben, Mrs. Lebowitz.

Fran Lebowitz: Danke, ebenso.

ICONIST: Sprechen wir über Ihre Uniform: Jackett, Hemd, Jeans – das war doch eigentlich der Look von Andy Warhol. Dann haben Sie Ihren Stil von ihm?

Lebowitz: Nein, habe ich nicht. Ich meine, Andy hat Jeans getragen. Wissen Sie, erstens tragen viele Leute diese Jeans, insbesondere Levi’s 501, die ich noch immer trage. Andy trug eine, na ja, Art Blazer. Aber, nein, Andy war nicht mein Vorbild, ganz sicher nicht.

1977 mit Andy Warhol in New York, für dessen Magazin sie ihre Kolumne "I cover the waterfront" schrieb.

1977 mit Andy Warhol in New York, für dessen Magazin sie ihre Kolumne „I cover the waterfront“ schrieb

Quelle: Redferns / Getty Images

ICONIST: Wer war Ihr Mode-Idol? Diane Keaton, Susan Sontag, Tom Wolfe, Capote?

Lebowitz: Ich habe keine Idole. Susan war nicht wirklich für ihr modisches Gespür bekannt, und Diane Keaton – das „Annie Hall“-Ding war lang, nachdem ich angefangen habe, diese Klamotten zu tragen.

ICONIST: Sie betonen ja immer wieder gern und originell Ihre Faulheit. Der Grund, warum Sie seit 50 Jahren dasselbe tragen? Interessiert Sie Mode überhaupt?

Lebowitz: Extrem sogar – und wie mich Kleidung interessiert! Darum habe ich auch nahezu aufgehört, auf Modeschauen zu gehen, weil es da ja kaum noch um Kleidung geht. Es ist nicht Faulheit. Ich bin zwar faul, eindeutig. Aber nicht in puncto Kleidung. Ich weiß, dass Leute, die mal alte Fotos gesehen haben, sagen, ich würde, seit ich zwanzig bin, dasselbe tragen – tue ich nicht. Es heißt auch, ich würde Schwarz tragen. Nie! Es gibt kein Schwarz bei mir, außer ich führe meinen Smoking aus. Es gab ja mal eine Zeit, nicht nur in New York, sondern in jeder Stadt dieser Welt, in der die Leute, vor allem die Modeszene, nonstop Schwarz trugen. Es lässt einen dünner aussehen, keine Frage. Hochinteressant ist übrigens, wie viele Dünne Schwarz tragen! Ich jedenfalls war die Einzige in ganz New York, die nicht Schwarz trug. Ich habe das Gefühl, ich bin nicht alt genug.

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ICONIST: Wann sollte man Shopping gehen: gut gelaunt oder frustriert wie Sarah Jessica Parker in „Sex and the City“?

Lebowitz: Ich glaube, ich kann mir keine Person vorstellen, der ich unähnlicher wäre. Ich hasse es, shoppen zu gehen. Ich gehe nur einkaufen, wenn ich es muss. Die einzige Art von Shopping, die ich mag, ist Bücher zu kaufen. Das ist ja das Großartige an Maßschneidern: Man muss nicht einkaufen gehen.

ICONIST: Dann lassen Sie auch nach dem Brexit noch bei „Anderson & Sheppard“ in London schneidern?

Lebowitz: Ja, der Brexit ist ja nicht meine Schuld und auch nicht Anderson & Sheppards, da bin ich sicher. Ich habe mir im Laufe der Zeit ziemlich viele Jacketts dort machen lassen, jetzt schon länger keins mehr. Ich besitze ein paar Nadelstreifen-Jacketts, auch andere. Viele weiße Hemden, blaue, gestreifte, cremefarbene. Ich bin ausreichend ausgestattet.

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ICONIST: Ihre Hemden sind auch maßgefertigt?

Lebowitz: Es gibt einen Laden: Hilditch & Key. Aus irgendeinem mir unbekannten Grund haben sie nur in London und Paris Geschäfte, keins in New York. Ich wünschte, es gäbe eins, aber sie hören nicht auf mich. Also bitte ich immer jemanden, mir Hemden mitzubringen. Man kann sie auch online bestellen, aber für Hemden schaff’ ich mir kein Internet an.

Lebowitz lebt in Chelsea-New York mit 10.000 Büchern, darunter ist ein Regal nur für Literatur über Seifenschnitzerei.

Lebowitz lebt in Chelsea-New York mit 10.000 Büchern, darunter ist ein Regal nur für Literatur über Seifenschnitzerei

Quelle: picture alliance / NurPhoto

ICONIST: Und Ihre Cowboystiefel?

Lebowitz: Wurden auch extra angefertigt für mich. Den Kerl allerdings werde ich hier nicht weiterempfehlen. Er war verrückt, aus Texas. Ich besitze nur ein Paar. Nachdem mich dieser Typ so zur Weißglut getrieben hat, habe ich entschieden, dass die Stiefel doch zumindest für den Rest meines Lebens halten sollten. Ich lasse sie jede Woche putzen. Es ist wie eine Art Wettlauf, wer länger durchhält: Ich oder die Boots?

ICONIST: Hatten Sie auch mal eine Kleider-Phase, oder was haben Sie gegen Röcke?

Lebowitz: Ich habe nichts gegen sie, ich will sie nur nicht tragen. In der Schule mussten wir Rock oder Kleid tragen. Danach habe ich beides für immer begraben.

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ICONIST: Sie besuchten eine private Mädchenschule. Pauken war nicht Ihr Ding, Sie flogen von der High School. Leiden Sie an einem Rock-Trauma?

Lebowitz: Ich habe nie gern Röcke getragen und musste es dann auch nicht mehr. Nach der Schule habe ich nie wieder etwas gemacht, das gegen meinen Willen war.

ICONIST: Wer färbt Ihr Haar?

Lebowitz: Louis Licari, Park Avenue, Ecke 59th Street. Da rennen sie alle hin.

Mit Regisseur Martin Scorsese, der mit ihr die Netflix-Serie "Pretend it's a City" drehte.

Mit Regisseur Martin Scorsese, der mit ihr die Netflix-Serie „Pretend it’s a City“ drehte

Quelle: COURTESY OF NETFLIX

ICONIST: Man kennt Sie nur mit diesem Locken-Bob. Haben Sie, so neugierig wie Sie ins Leben blicken, nie überlegt, mal mit Ihrer Frisur zu spielen?

Lebowitz: Wissen Sie, als ich jung war, hatte ich sehr lange Haare. Bis ich mit 21 auf dem Stuhl dieses Friseurs landete, zu dem meine ganzen Freunde gingen. Ich war gerade in eine Unterhaltung vertieft mit jemandem, der neben mir stand, als er mir meine ganzen Haare abschnitt! Ich war außer mir vor Wut. So etwas würde sich heute kein Mensch mehr trauen, weil man ihn sofort verklagen würde. Na! Es stellte sich dann heraus, dass er und dieser Freund von mir beschlossen hatten, dass mir kurz einfach besser stünde. Und tatsächlich, nach einer Weile habe ich gemerkt: Sie hatten recht. Also habe ich sie so gelassen.

ICONIST: Sind Sie eine Suffragette?

Lebowitz: Haha! Das gefällt mir. Aber: nein. Ehrlich gesagt war ich nie eine große politische oder feministische Aktivistin. Ich neige nicht zur Selbstaufopferung – aber hauptsächlich war ich es nicht, weil ich nicht daran geglaubt habe, dass sich je etwas ändern würde. Nun, obwohl die Dinge für Frauen bei Weitem nicht perfekt sind, sind sie so viel besser als zu meiner Jugendzeit, aber so viel besser! Ich bin erstaunt darüber. Mir jedoch kann man dafür keine Lorbeeren zuschreiben.

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ICONIST: Ohne Ihnen auf den Schlips treten zu wollen: Wie feminin fühlt man sich in maskuliner Kleidung?

Lebowitz: Offen gestanden, über diesen Aspekt habe ich noch nie nachgedacht. Ich weiß, dass diese Fragen heute sehr essenziell für Menschen sind, aber es ist nicht die Art, wie ich über mich nachdenke, muss ich Ihnen sagen. Ich selbst würde mich wahrscheinlich als die femininste Frau dieses Planeten bezeichnen.

Ich habe ein sehr feines Paar High Heels! Ich habe sie natürlich seit über einem Jahr nicht mehr getragen. Wohin auch? Aber alle meine Anzughosen sind diesen unglaublichen Stöckelschuhen angepasst, die mir mal Manolo Blahnik geschenkt hat. Sie lassen einen zweifellos besser aussehen, sie machen mich größer, aber sind unfassbar unbequem. Manolo ist ein wundervoller Designer, aber er musste nie in diesen Schuhen stehen.

Mit Designerin Diane von Furstenberg vor der Pandemie. Ihre bevorzugte Maskenfarbe: "Ich trage die blauen OP-Masken, aber mit der weißen Innenseite nach außen."

Mit Designerin Diane von Furstenberg vor der Pandemie. Ihre bevorzugte Maskenfarbe: „Ich trage die blauen OP-Masken, aber mit der weißen Innenseite nach außen“

Quelle: Getty Images for Diane Von Furstenberg

ICONIST: Amerikas Ex-„Vogue“-Chefin Diana Vreeland verordnete 1997 mal einem ihrer New Yorker Reporter ein Jahr Paris. Ihre Erklärung: „Er war mir zu 1996.“ Wie halten Sie sich up to date, ohne Internet und ohne groß Ihr Chelsea-Apartment zu verlassen?

Lebowitz: Die Pandemie wäre uns erspart geblieben, wären alle immer zu Hause geblieben wie ich. Nun, in New York City erlebt man Dinge auf der Straße, lang bevor man sie woanders sieht. Wobei sich hier leider auch immer mehr der Einheitslook präsentiert. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen an einen Punkt kommen, an dem sie wie ihre Freunde aussehen wollen. Wenn Sie beispielsweise ein 16-jähriges Mädchen auf der Straße sehen, das auf eine bestimmte Weise gekleidet ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass seine Freunde in genau den gleichen Klamotten herumlaufen.

Der Riesenunterschied zu anderen Städten war immer, dass man früher in New York sofort erkennen konnte, wer nicht Amerikaner war. Die Europäer waren immer die besser Gekleideten. Das ist leider nicht mehr so. Ob man nach Paris geht oder nach Rom – alle sehen gleich aus. Baseballkappen, Sneaker. Es ist schon erstaunlich, dass sich die Welt immer die schlechtesten Dinge aus den USA abguckt.

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ICONIST: Für Sie endet die Welt ja praktisch am John F. Kennedy Airport.

Lebowitz: Oh nein, ich reise viel für meine Vorträge, mit denen ich mein Geld verdiene. Ich bin gar nicht ungern an anderen Orten. Ich finde nur das Reisen so schrecklich, schon lang vor dem Virus. Jetzt ist es sicher noch schlimmer. Unerträglich, wenn sie dich abtasten, dein Gepäck durchwühlen. Allein die Vorstellung, dass ich meine Koffer nicht abschließen kann. Also, grauenhaft. Man hat das Gefühl, es gibt null Privatsphäre mehr.

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Quelle: FilmMagic / Getty Images

ICONIST: Rauchen ist auch passé. Sie qualmen ja weiterhin fröhlich Ihre Marlboro Lights. Hat eine Zigarettenmarke heute eigentlich noch irgendeine stilbezogene Relevanz?

Lebowitz: Nein. Man kriegt eh nicht mehr mit, was wer raucht, sondern sieht nur noch Menschen mit einem Glimmstängel irgendwo verloren draußen stehen. Ich besitze zum Beispiel mehrere sehr schöne Feuerzeuge, richtige Schmuckstücke. Man legte sie auf den Tisch, gab jemandem Feuer – und jetzt: Werden Sie einem am Flughafen sofort abgenommen, also hat man nur noch diese hässlichen Plastikdinger. Oder Zigarettenetuis: Das Ganze war mal sehr stilvoll. Jetzt ist es im Grunde nur noch eine Droge.

Zur Person:

Frances Ann Lebowitz, Schriftstellerin

Frances Ann Lebowitz, Schriftstellerin

Quelle: COURTESY OF NETFLIX

Geboren am 27. Oktober 1950 in New Jersey in einem jüdischen Elternhaus, selbst bezeichnet sie sich als Atheistin. Nach der High School jobbte sie als Putzfrau, Eisverkäuferin und Chauffeur, bevor sie Kolumnistin für Andy Warhols Magazin „Interview“ wurde. Lebowitz schrieb u.a. für „Mademoiselle“, 1978 ihr erstes Buch „Metropolitan Life“ und erlangte als Autorin Kultstatus, trotz ihrer Dauerschreibblockade. Ihr Hauptwerk ist: „The Fran Lebowitz Reader“. Heute verdient sie vor allem mit Vortragsreisen und TV-Auftritten ihren Lebensunterhalt. 2007 kürte das US-Magazin „Vanity Fair“ sie zu einer der weltweit stilvollsten Frauen. Seit 1969 lebt sie in New York City.

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