Die sonderbare Ökonomie des Fussballs – warum der Streit um eine europäische Superliga noch lange nicht zu Ende ist

Im Fussball gelten zum Teil ungewöhnliche Marktgesetze. Diese sorgen dafür, dass der Druck der grossen Klubs in Richtung europäischer Liga anhalten wird.

Manchester United ist wie andere europäische Grossklubs heute eine globale Marke.

Manchester United ist wie andere europäische Grossklubs heute eine globale Marke.

Jason Cairnduff / Reuters

Die Positionen im jüngsten Fussballstreit waren schnell bezogen. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Auf der einen Seite waren die Bösen – zwölf europäische Spitzenklubs wie Real Madrid, Juventus und Manchester United, die «aus Geldgier» eine eigene Superliga gründen wollten und damit dem europäischen Fussballverband Uefa eine Kriegserklärung schickten. Auf der anderen Seite waren die Guten – alle anderen Klubs, die besagte Uefa sowie viele Fans und Spieler, die den Plan in Grund und Boden verdammten.

Die Zwölfergruppe hat sich angesichts des massiven Widerstands vorderhand verbal zurückgezogen. Doch das Thema wird weiter köcheln. Verantwortlich dafür sind die ökonomischen Gesetze des Fussballs. Zwei britische Sportökonomen haben schon vor über zwanzig Jahren die Gründung einer europäischen Superliga prognostiziert. Spätere Analysen schlugen zum Teil in die gleiche Kerbe. Gedankenspiele von Grossklubs zur Gründung einer europäischen Eliteliga gab es bereits in den 1990er Jahren.

Die Macht der Stars

Ein Kernproblem für Profiklubs im Fussball ist die ungewöhnlich grosse Verhandlungsmacht der wichtigsten Angestellten – der «Stars». Generell gilt: Je stärker der Erfolg eines Unternehmens an wichtige Angestellte statt zum Beispiel an Organisation, Ruf und Marke des Unternehmens gebunden ist, desto grösser ist die Verhandlungsmacht dieser Angestellten gegenüber dem Arbeitgeber. Kann zum Beispiel ein Banker dank persönlichem Beziehungsnetz weitgehend unabhängig von seiner Firma millionenschwere Kundenaufträge hereinholen, gibt ihm dies viel mehr Verhandlungsmacht, als wenn der Erfolg des Angestellten stark an den Arbeitgeber gebunden ist.

Im Spitzenfussball hängt der Erfolg der Unternehmen besonders stark von einigen Angestellten ab. Das betrifft zuerst das Sportliche. Und der sportliche fördert auch den wirtschaftlichen Erfolg: Wer in der Tabelle oben steht, bekommt weit mehr Aufmerksamkeit und damit auch mehr Zuschauer-, Fernseh- und Sponsoringeinnahmen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In Europa sahnen die fünf grössten nationalen Ligen den Hauptteil der Erträge ab, und innerhalb der nationalen Ligen entfällt oft ein Grossteil der Einnahmen auf wenige Spitzenklubs.

Die Verhandlungsmacht der Stars führt aber auch dazu, dass diese einen grossen Teil ihres (erhofften) Mehrwerts in die eigene Tasche stecken können und beim Arbeitgeber wenig bis nichts verbleibt. Zudem spielt im Fussball im Unterschied zu vielen anderen Branchen das Profitstreben bei gewissen führenden Anbietern eine geringe oder gar keine Rolle. Stattdessen stehen oft der sportliche Erfolg und das damit verbundene Prestige im Vordergrund. Besonders ausgeprägt gilt dies in Fällen, bei denen reiche Besitzer ihren Klub vor allem als teures Spielzeug und gesellschaftliches Eintrittsbillett sehen. Dieses Phänomen beschleunigte die Kostenspirale im Spitzenfussball.

Explosion der Einnahmen

Die Klubs der obersten nationalen Fussballligen in Europa haben von 1996 bis 2018 ihre Einnahmen insgesamt mehr als versiebenfacht. Der Haupttreiber war die Entwicklung der Medienwelt mit einer Vervielfachung der Fernsehkanäle und dem lukrativen Konzept Pay-per-View. Dies brachte eine Vervielfachung der Fernseheinnahmen und Sponsorengelder. Zudem wirkt die Medienrevolution als Sprungbrett für den Ausbau bekannter europäischer Spitzenklubs zu globalen Marken.

Einer Branche mit solch massivem Einnahmenwachstum sollte es in Normaljahren ohne Pandemie eigentlich finanziell sehr gut gehen. Doch die Löhne sind seit Mitte der 1990er Jahre noch stärker gestiegen als die Einnahmen (vgl. Grafik). Die Branche schrieb in vielen Jahren Verluste.

Massives Wachstum von Einnahmen und Ausgaben

Erträge und Lohnsummen der Klubs in den obersten nationalen Fussballligen Europas, total in Milliarden Franken

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Eine gewisse Besserung für die Klubs brachte 2011 eine europäische Kartellabsprache namens «Financial Fairplay». Diese Regeln verlangen im Prinzip ein Gleichgewicht von Ausgaben und Einnahmen. Ausweichmanöver sind weiter möglich, doch gemäss den Zahlen und Analysen wirken die Regeln im geplanten Sinn. Das Gesamtdefizit von Europas Klubfussball verkleinerte sich, 2017 war der Saldo erstmals seit langem positiv, und 2018 bestätigte sich der Trend. Die Lohnsummen sind von 2011 bis 2018 prozentual leicht weniger stark gestiegen als die Gesamteinnahmen. Doch 2018 machten die Lohnsummen im Mittel immer noch rund 64% der Gesamteinnahmen aus, was auf eine ungünstige Kostenstruktur deutet. Rund die Hälfte aller Klubs in den obersten nationalen Ligen Europas waren nach wie vor defizitär – und dies vor der Pandemie.

Gegner sind Teil des Produkts

Eine weitere Besonderheit der Fussballökonomie: Man braucht für sein Produktangebot einen Gegner, und dieser Gegner sollte nicht allzu schwach sein. Gewinnt man jedes Spiel mit 7:0, wird die Sache auf Dauer langweilig. Die Spannung hat in vielen nationalen Ligen in den letzten zehn bis zwanzig Jahren eher abgenommen. Die finanzielle Kluft zwischen den Grossen und den Kleinen ist deutlich gewachsen. Der massive Anstieg der Fernseh- und Sponsoreneinnahmen seit den 1990er Jahren kam grossenteils einem bis zwei Dutzend europäischen Spitzenklubs zugute. Dies hat mit der Nachfrage der Kundschaft zu tun: Ausserhalb der eigenen Region will man als Fernsehzuschauer die Besten sehen. So konzentriert sich das globale Interesse auf wenige Spitzenklubs.

Daher kann es nicht erstaunen, dass diese Klubs auf eine europäische Superliga drängen: Sind die Spitzenvereine unter sich, verspricht dies mehr spannungsreiche Spiele mit globaler Ausstrahlung und damit auch mehr Fernseh- und Sponsoreneinnahmen. Klubs mit garantierten Plätzen in einer solchen Liga sähen zudem ihre Verhandlungsmacht gegenüber den Stars gestärkt: Wer nicht um die Qualifikation für diese Liga der Honigtöpfe zittern muss, fühlt sich weniger gezwungen, jeden Bieterwettbewerb um den nächsten Star mitzumachen. Mit einer Abspaltung der Spitze vom Rest würde für die Grossklubs auch die Notwendigkeit wegfallen, Fernsehgelder zugunsten der kleineren Klubs umzuverteilen.

Unter der Drohung einer solchen Abspaltung hat die Uefa ihren wichtigsten europäischen Klubwettbewerb in den letzten zwanzig Jahren schrittweise näher an eine Superliga gerückt. Ein grosser Schritt kam 1992 mit der Mutation des alten Europacups der Landesmeister zur Champions League mit deutlich mehr Spielen, einer Gruppenphase und einem breiteren Zugang für Klubs der grössten Ligen. Weitere Ausbauschritte folgten, der nächste ist schon angekündigt. Zurzeit haben die vier grössten Ligen (Spanien, England, Deutschland, Italien) je vier Startplätze für die Champions League. Das erhöht die Planungssicherheit für Spitzenklubs, doch Garantien gibt es für sie noch nicht.

Geschlossen oder offen?

Das Modell der Zwölfergruppe mit geschlossener Superliga brächte für die auserwählten Klubs nebst Planungssicherheit einen weiteren Vorteil: Absprachen über Finanzregeln und Geldumverteilungen sind innerhalb einer geschlossenen Liga leichter möglich. Das verbessert die finanziellen Aussichten für die Klubs zusätzlich. In einer offenen Liga, in der alle jedes Jahr absteigen könnten, ist mit stärkeren Widerständen der grössten Klubs gegen Absprachen zu rechnen. Das Modell der geschlossenen Liga ist in den USA erfolgreich. Es steht aber in starkem Widerspruch zur europäischen Tradition und zu den Empfindungen vieler Fussballanhänger. Dies war ein Haupttreiber der Kritik von dieser Woche. Solche Empfindungen in der Kundschaft gehören ebenfalls zur speziellen Ökonomie des Fussballs.