Das Impf-Selfie als Social-Media-Phänomen

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Oprah Winfrey, Mariah Carey, Dolly Parton. Gregor Gysi, Boris Johnson, Joe Biden. Aber auch Durchschnittsinfluencer und viele normale Menschen, sie alle lassen sich aktuell nur zu gern mit der Corona-Impfnadel (oder wenigstens ihrem Impfnachweis) fotografieren. Im Prominenten-Influencer-Fall landen die Fotos dann natürlich auf Instagram, #vaccinationdone ist der beliebteste Hashtag in diesem Kontext. Die Celebritys in den USA sind uns natürlich mengenmäßig um einiges voraus, aber auch hier entdeckt man inzwischen täglich Fotos von gelben Impfpässen, von nackten Oberarmen, von Impfstoffstickern im eigenen Feed.

Gysi übrigens postete sein Foto auf Twitter, leider mit einem Impfluencer-Anfängerfehler: Die Nadel war noch verpackt, das Foto noch vor dem Pieks gestellt, er musste den Impfpass nachreichen, um dem Fake-Geschrei Einhalt zu gebieten.

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Die New York Times nennt das Impffoto schon eines der „ikonischen Motive“ unserer Zeit, der Designer Marc Jacobs erschuf in Pink und mit Leo-Mantel einen Fashion-Moment drumherum, er schoss eines seiner üblichen Spiegel-Selfies, Impf-Edition, Caption: „I‘ve been Pfizer‘d“. Die Impfung ist nach rund einem Jahr ein Anlass, sich schick zu machen, endlich mal wieder – und das Ereignis und den Look dann auch festzuhalten. Und, natürlich, zu teilen.

Ist das nun nervige Angeberei und unsensibel denen gegenüber, die noch lange auf ihren Pieks warten müssen? Das Pflaster am Oberarm als Statussymbol unserer Tage? Einfach zeitgemäßer Ersatz für das Urlaubs- oder Partyselfie, mit dem man ja auch etwas zeigt, zeigen will, was andere vielleicht (noch) nicht haben?

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Tatsächlich ist die Idee eines Impf-Fotos gar nicht so neu. 2018 untersuchte die John Hopkins Universität, wie Bilder von Impfungen auf Twitter geteilt und wahrgenommen werden. Ein Ergebnis: Tweets, die Fotos enthielten, wurden doppelt so oft geteilt wie Tweets ohne Foto. Menschen reagieren viel stärker auf Bilder als auf Texte, will man also aufklären, informieren, motivieren, dann doch per Foto. Denn anders als der Luxusurlaub ist die Impfung (idealerweise irgendwann) für die meisten zugänglich.

Und gerade Impfkampagnen nutzen schon lange prominente Testimonials und deren Impfpose. Eines der bekanntesten: Elvis Presley, der sich 1956 in der „Ed Sullivan Show“ gegen Polio impfen ließ. Er sollte Teenager animieren, es ihm gleich zu tun, die Aktion war damals extrem erfolgreich.

Elvis Vaccinated Backstage At 'The Ed Sullivan Show'

Polio-Impfung für Elvis – seine Fanclubs taten es ihm dann nach

Quelle: Getty Images/CBS Photo Archive

Und auch Präsidenten und Politiker lassen sich nicht erst seit Covid beim Impfen fotografieren, schon immer soll ihr Beispiel für Vertrauen in eine medizinische Behandlung am gesunden Menschen sorgen. Doch heute braucht es mehr als den offiziellen Fototermin irgendeines Ministers. Längst sind die Menschen an die (vermeintlich) authentischeren Inhalte ihrer echten und eingebildeten Freunde auf Instagram und TikTok gewöhnt, das Vertrauen in die, deren Bilder und Videos täglich massenhaft konsumiert werden, ist häufig größer als das in die der Politiker.

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In der Psychologie beschreibt Theorie des sozialen Vergleichs den evolutionären Effekt von eben genau dem: Dem Abgleich und Vergleich mit anderen, der dafür sorgt, dass der Mensch sich weiterentwickelt. Sieht man also viele Postings von geimpften Leuten, signalisiert es die soziale Akzeptanz der Impfung, animiert, dasselbe zu tun, nimmt das Beängstigende des Unbekannten.

Und das ist die Rolle und Funktion des Impf-Selfies 2021: Influencer, Berühmtheiten, aber auch die eigene Timeline aus Freunden, entfernten Bekannten und irgendwem, den man zu kennen glaubt – sie schaffen Vertrauen in etwas so Neues wie eine mRNA-Impfung. Ja, jeder, der ein solches Bild postet (und mehr als seine Familie als Abonnenten hat), muss mit dem Backlash von Impfgegnern rechnen, verliert impfkritische Follower. Gleichzeitig nutzen viele Social-Media-Persönlichkeiten das Impf-Selfie, um genau damit in Dialog mit ihren Anhängern zu treten, sich Nachfragen zu stellen. Alles für die Herdenimmunität.

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